Presse

Der verrückte Lehrer und seine begeisterten Schüler

 

VON MIRIAM HOLLSTEIN


Die Welt – 3. Februar 2009, 01:42 Uhr

 
Wie der Bad Iburger Oberstudienrat Helmut Spiering Jugendliche mit Politikern und Künstlern zusammenbringt und zu selbstbewussten Bürgern bildet

 

Berlin – Der erste Eindruck am Telefon: Was für ein Angeber! Helmut Spiering sagt gern Sätze wie: “Wenn alle so arbeiten würden wie wir, gäbe es keine Krise.” Und: “Dies wird mein Geschenk für die Gesellschaft.” Vier Tage später das erste Treffen. Der Mann, der zur Stimme gehört, ist 61 Jahre alt, trägt einen struppigen Bart und ein Jackett in undefinierbarer Farbe. Spiering unterrichtet Mathematik und Erdkunde an einem Gymnasium im niedersächsischen Bad Iburg. Jetzt ist er in Berlin. Er hat 90 Jugendliche aus vier Ländern mitgebracht. Eine Woche lang haben sie hier alles über den Klimawandel gelernt. Als Nächstes wollen sie selbst Filmspots zum Thema drehen, um “den Institutionen zu zeigen, wie man es anders machen kann”. Noch so ein großer Satz von Spiering. Am Ende der Begegnung ist man überzeugt: Spiering ist kein Angeber, er und seine Schüler können es schaffen.
Spierings Reise begann im Grunde Anfang der Neunzigerjahre. Da bekam er als Lehrer eine neunte Klasse, die als schwierig galt. Die Jugendlichen wollten nicht lernen, sie wollten nach Berlin. Das könnt ihr haben, sagte Spiering ihnen. Aber nur durch harte Arbeit. Er sorgte dann dafür, dass sie in Berlin Menschen trafen, die deutsche Geschichte nicht nur referieren konnten, sondern sie auch erlebt hatten. Menschen wie Lew Kopelew, Günter Schabowski und Richard von Weizsäcker. Am Ende drehten die Schüler einen Film. Er hieß “Fremdsein in Deutschland” und lief 1995 auf der Berlinale als erstes Schüler-Laienwerk. Manche nannten ihn “das kleine Wunder von Berlin”.
Seither hat Helmut Spiering nicht mehr lockergelassen. “Ich habe eine extrem hohe Erwartungshaltung”, sagt er. “Stark” sollen die Schüler werden, ihr “Potenzial entwickeln”. Dafür müssen sie sein Motto akzeptieren: “Das Leben muss man sich erarbeiten.”

Spiering begann, Kurse für Persönlichkeitsentwicklung an seiner Schule zu organisieren, ehrenamtlich und außerhalb der Unterrichtszeit. Gemeinsam mit einem Schauspieler brachte er den Jugendlichen bei, die Angst vor öffentlichen Auftritten abzulegen. Er lehrte sie, Fragen so zu stellen, “dass sie im Raum stehen bleiben”. Trau dich. Steh auf. Sprich den Gesprächspartner mit Namen an. Sei gut vorbereitet, aber formuliere es in deinen Worten. Frag nach, wenn du die Antwort nicht verstanden hast. “Das Schlimmste ist, keine Fragen zu stellen”, sagt Spiering. Manchmal kamen die Schüler abends bei Spiering vorbei, weil sie weiterarbeiten wollten. Und immer wieder ging er mit ihnen und dem Film auf Reisen. Nach Polen, nach Spanien, nach Russland. Alles selbst organisiert, alles in der Freizeit. Einen “Verrückten” hat ihn seine Frau einmal genannt. Der Verrückte hat aber viele Fans.
Zum Beispiel Martin. Der 22-Jährige gehörte als Schüler zum Kreis um Spiering. “Ich habe Sachen erlebt, von denen ich nie geglaubt hätte, dass ich sie in der Schule erlebe”, sagt er. Etwa, dass er und andere Schüler einmal mit dem damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau in Schloss Bellevue zusammen zu Abend aßen. Inzwischen studiert Martin Meteorologie in Hamburg. Manchmal fragen ihn Professoren und Kommilitonen, wo er sein sicheres Auftreten gelernt habe.
Martin ist mitverantwortlich für Spierings neuestes Projekt. Im Dezember 2007 hat er seinem ehemaligen Lehrer einen Brief geschrieben. Ob man nicht etwas zum Thema Klimawandel machen könnte. Gut ein Jahr später sind sie deshalb hier: Martin, Lehrer Spiering und Jugendliche aus Bad Iburg, Frankreich, Kroatien, Polen und Island. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat werden sie Drehbücher für Filmspots entwickeln. 25 werden am Ende von einer professionellen Jury ausgewählt und mit den Schülern umgesetzt. Anfang 2010 sollen sie ausgestrahlt werden, “Im Kino oder vor den ,Tagesthemen’”, sagt ein Schüler selbstbewusst.
Das Programm in Berlin ist anstrengend. Im Zweistundentakt stehen unter anderem Begegnungen mit Ex-Umweltminister Klaus Töpfer, dem ehemaligen ZDF-Intendanten Dieter Stolte sowie vier Bundestagsabgeordneten des Umweltausschusses, eine eigens für die Gruppe organisierte Lesung mit Martina Gedeck und eine Generalprobe in der Philharmonie auf dem Plan. Die Schüler, 14 bis 20 Jahre alt, treffen den Klimaberater der Kanzlerin, Hans Joachim Schellnhuber, und erhalten Tipps vom Werbefilmer Hans-Joachim Berndt. Organisiert hat alles Spiering, auch das Geld, 50 000 Euro insgesamt. 20 000 kamen vom Bund, der Rest von Sponsoren. Spiering ist immer dabei, telefoniert, bespricht mit einem Schüler die Planung, begrüßt die Referenten.
Wie schafft er es, dass die Jugendlichen so pünktlich sind? Spiering schaut, als ob er die Frage nicht ganz verstanden hat. “Alle Referenten arbeiten umsonst”, sagt er. “Das Mindeste, was wir ihnen entgegenbringen können, ist Respekt.” Das gilt auch umgekehrt, und vielleicht ist das Spierings Geheimnis. Er holt die Schüler nicht da ab, wo sie sind, sondern zeigt ihnen, wohin sie es schaffen können, wenn sie wollen. Vor der Diskussion mit den Abgeordneten stellt sich Spiering vor die Gruppe: “Das ist eure Sternstunde, zeigt, was ihr draufhabt.” Dann legen die Schüler los. Die Worthülsen der Politiker durchbrechen sie mit Fragen – zur Rolle des neuen US-Präsidenten für den Klimaschutz oder dazu, warum draußen vor den Abgeordnetenbüros noch so viele große Autos mit hohem CO2-Ausstoß stehen. Als der Grünen-Abgeordnete die Dienstwagenflotte des Bundestags “ein großes Dilemma” nennt, hakt Martin, der die Runde moderiert, nach: “Warum sind Sie das Problem nicht angegangen, als Sie in der Regierung waren?” Da fällt dem Grünen nur ein, dass man “am Autokanzler Schröder gescheitert” sei.
Besonders viele Fragen stellt Nils. Der 20-Jährige mit dem schwarzen Nadelstreifen-Sakko wird in wenigen Wochen sein Abitur machen. Trotzdem hat er die letzten Monate damit verbracht, mit anderen Schülern das Treffen vorzubereiten – obwohl er beim Klimawandel “erst mal an Ökofreaks” dachte. Aber er hat Spiering vertraut. Inzwischen spricht Nils fast wie ein Experte übers Klima. Von den Franzosen hat er erfahren, dass man dort mit dem Thema Atomkraft viel weniger Probleme hat als in Deutschland. Im Gespräch mit den Isländern hat er gemerkt, wie tief die Finanzkrise dort auch die junge Generation getroffen hat. Die Kroaten erzählen, dass sich viele ihrer Landsleute um ihren Job sorgen, nicht um die Umwelt.
Einen Tag später in der Philharmonie. Er arbeite noch daran, ein Treffen mit dem Starpianisten Lang Lang hinzukriegen, hatte Spiering am Telefon gesagt. Das sei schwierig, habe die Philharmonie geantwortet. Jetzt steht die Schülergruppe am Konzertflügel – und Lang Lang vor ihnen. “Ihr seid jung, ihr seid die Zukunft”, ruft der 26-jährige Künstler den Jugendlichen zu. Sie überreichen ihm Blumen.
Wenn er dieses Projekt abgeschlossen habe, werde er ganz damit aufhören, sagt Helmut Spiering, während die Gruppe zum nächsten Termin eilt. “Ich habe genug gedient.” Doch dann räumt er ein, eine Persönlichkeit gebe es schon noch, mit der er seine Schüler gern einmal zusammenbringen würde: Barack Obama. Der mächtigste Mann der Welt trifft Schüler aus Bad Iburg? Wer Helmut Spiering erlebt hat, hält alles für möglich.

 

Sie wollen Geschichte in Europa schreiben

slx Bad Iburg.

NOZ 17.01.2009

support

Engagierte Vorhaben scheitern häufig am Geld. Damit dies dem Projekt „jugend denkt um.welt“ nicht auch passiert, rührt der Bad Iburger Pädagoge Helmut Spiering derzeit kräftig die Werbetrommel. Mit Erfolg. Sechs regionale Unternehmen spendeten jetzt rund 10 000 Euro in Geld- und Sachleistungen.

 

Das Projekt hat das Ziel, Jugendliche aus fünf europäischen Ländern gemeinsam professionelle Werbespots zum Thema Umwelt drehen zu lassen und dadurch die Menschen wachzurütteln und zum Handeln aufzufordern. Derzeit bereiten sich Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Bad Iburg sowie deren Altersgenossen aus Olsztyn (Polen), Buc (Frankreich), Krapina (Kroatien) und Reykjavík (Island) in Workshops einerseits auf die Dreharbeiten und parallel auf den Jugend-Weltklimagipfel Ende Januar in Berlin vor.

Spiering jedenfalls ist vom Erfolg des Projekts felsenfest überzeugt: „Ich bin sicher, dass wir Geschichte in ganz Europa schreiben werden“, sagte der rastlose Pädagoge Schülern und Sponsoren bei einem Treffen im Gymnasium Bad Iburg.

 

Ganz preiswert wird das Vorhaben nicht zu haben sein. Spiering selbst bezifferte die für die Realisierung notwendige Summe auf „einen hohen sechsstelligen, wenn nicht siebenstelligen Betrag“. Um die Millionensumme aufzubringen, setzt Spiering in seinem wohl letzten großen Projekt – er geht im kommenden Jahr in Pension – vor allem auf die Unterstützung von Sponsoren. Fünf regionale Firmen haben bislang angebissen. Die Osnabrücker Firma Dieckmann Tiefbau unterstützt die Jugendlichen mit 5000 Euro, die Stiftung der Augenklinik Dr. Georg in Bad Rothenfelde steuert 4000 Euro bei.

 

Mit Sachleistungen wie Pressemappen, einem riesigen Banner, Grafikleistungen und der Bereitstellung eines Filmteams unterstützen auch die Firmen Steinbacher Druck, Ü-Tec, Funke-Werbung und Albers Design das Projekt.

 

Darüber hinaus kann Projektinitiator Helmut Spiering auf die – zumindest moralische – Unterstützung aus der großen Politik bauen.

 

Die Schirmherrin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, ließ die Jugendlichen in einem Brief wissen, dass das Vorhaben, die Zukunftsfrage Klimaschutz mit der Neugier und Jugendlichen zu verknüpfen und ihr dabei einen optischen Schliff des professionellen Werbefilms zu geben, „eine besondere, wenn nicht einmalige Konzeption“ sei. 

 

Länderübergreifendes Wachrütteln

NOZ 31.12.2008

slx Bad Iburg.

iburg

Großes hat wieder einmal der Lehrer Helmut Spiering vor. Als Initiator des europäischen Projekts „Jugend denkt um.welt“ möchte der umtriebige Pädagoge des Gymnasiums Bad Iburg Jugendliche aus fünf Ländern Werbespots zum Thema Umwelt drehen lassen, um dadurch die Menschen wachzurütteln und zum Handeln aufzufordern.

 

Den Segen der großen Politik hat Spiering bereits: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, haben die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen.

 

Derzeit arbeiten 90 Jugendliche in Bad Iburg, in Olsztyn (Polen), Buc (Frankreich), Krapina (Kroatien) und Reykjavík (Island) in Workshops in ihren Schulen an Drehbüchern für die Werbespots. Ziel ist es, diese im Laufe der nächsten Monate immer weiter zu verfeinern, bis die besten schließlich von professionellen Filmteams realisiert werden.

 

Wenn es nach Spiering geht, wird das noch nicht das Ende sein, die Spots sollen auch öffentlich gezeigt werden. Zumindest im Kino, am liebsten jedoch auch im Fernsehen: „Es wäre toll, wenn Fernsehsender uns Sendeplatz einräumen würden.“

 

Bis dahin ist es noch ein langer Weg. In einem dreitägigen Workshop leisteten 20 Schülerinnen und Schüler der Klasse 9 zunächst einmal Basisarbeit. „Freiwillig und außerhalb des Unterrichts“, wie Spiering betont: Während der normalen Schulzeit sei für derartige Herausforderungen leider kein Platz.

 

Als Dozenten hatte der Pädagoge den Berliner Drehbuchschreiber, Autor und Werbefilmregisseur Thomas Frick verpflichtet. Und der zeigte sich vom Engagement der Jugendlichen äußerst angetan: „Ich staune, was für tolle Ideen hier hervorgebracht werden.“ Die Arbeit habe Potenzial, so der Profi. Am Ende werde sicherlich etwas dabei sein, was professionellen Ansprüchen genüge.

Die Jugendlichen selbst sehen in dem Projekt eine gute Möglichkeit, ihre Vorstellungen von Umweltpolitik einer großen Öffentlichkeit zu präsentieren. „Anfangs war ich ja ziemlich skeptisch und musste es erst einmal sacken lassen“, gibt Julian Dorff zu. Mittlerweile können er und seine Mitschüler Laura Bäumler und Dennis Weiser der Aktion nur Positives abgewinnen.

 

Nächster Höhepunkt des Projekts wird die Teilnahme aller involvierten Jugendlichen am Jugend-Weltklimagipfel Ende Januar in Berlin sein. Um in den dort angesetzten Diskussionen mit hochrangigen Politikern und namhaften Wissenschaftlern bestehen zu können, vermittelt Spiering seinen Schülern derzeit ebenfalls in Workshops das nötige fachliche und rhetorische Rüstzeug. Zur Abrundung wird über das ganze Projekt ein Dokumentarfilm gedreht. Dafür konnte der rastlose Pädagoge kurzfristig die Berliner Dokumentarfilmerin Gerlinde Böhm gewinnen. Das Projekt sei auch für sie eine echte Herausforderung, sagt Böhm. Anders als bei anderen Dokumentarfilmen gebe es diesmal weder eine feste Vorstellung noch einen festen Plan.

 

Ausländische Presse

http://www.ekonomik.olsztyn.pl/delegacz/delegacz.htm

http://gullbylgjan.is/?PageID=1091&NewsID=3482